Hintergrund

 

Fokus 2016 - Rollenbilder

 

Was sind Rollenbilder und weshalb sind sie Auslöser für geschlechtsspezifische Gewalt?  "Rollenbild" bedeutet die Vorstellung eines bestimmten Verhaltens, das jemand in einer bestimmten Funktion, in einer bestimmten sozialen Stellung o.Ä. zu zeigen hat. Solche Vorstellungen bestehen besonders auch hinsichtlich geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen. Geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Eigenschaften können zu Mustern werden, die sich oft wiederholen, so dass man sie als allgemeingültig betrachtet und als Stereotype bezeichnet. Aus stereotypen Bildern leiten sich Geschlechterrollen ab.[1] Unter Geschlechterrolle (engl. gender role) werden Verhaltensweisen verstanden, die in einer Kultur für ein bestimmtes Geschlecht als typisch oder akzeptabel gelten. Neben dem geschlechtsspezifischen Verhaltenskodex bestehen so auch allgemeine Erwartungen an männliche und weibliche Eigenschaften, Haltungen und Tätigkeiten. Vermehrt wird zwischen Rollenverhalten und Rollenerwartungen unterschieden, wobei diese sich gegenseitig beeinflussen. Rollenerwartungen bestimmen die Berufswahl, Familienkonstellationen, die Besetzung gesellschaftlicher und politischer Positionen, die Gleichstellung von Mann und Frau, sowie geschlechtsspezifische Gewalt massgeblich. Das Rollverhalten äussert sich dadurch, dass das Individuum, welches als Träger*in der Rolle gilt, die Aufgabe hat durch angemessenes Verhalten ihrer/seiner Rolle gerecht zu werden.[2]

Manchmal können Geschlechterstereotypen innerhalb einer Gesellschaft auch bestimmte Vorteile aufweisen. Sie gewährleisten eine gewisse Stabilität im System, dienen als Orientierungshilfe oder schaffen besondere Formen der Solidarität. Das Stereotypisieren von Menschen aufgrund ihres Geschlechts bringt aber viele Nachteile mit sich, insofern wir etwas sein müssen, was uns gar nicht entspricht. Geschlechtsspezifische Merkmale lassen sich nämlich nie verallgemeinern!

Gewalt gegen Frauen

Rollenbilder und Stereotypen begünstigen geschlechtsspezifische Gewalt. Besonders Frauen, die sich in ihrer Rolle eher als untergeordnet, abhängig und schwach zu verhalten haben sind davon betroffen. Gewalt an Frauen und Männern kann dabei über zwei Mechanismen ausgeübt werden. Zum einen, wenn wir einengende und diskriminierende Geschlechternormen erfüllen. So gelten beispielsweise Frauen als passiv und unterwürfig, während Männer dominant und triebgesteuert seien. Dementsprechend akzeptieren Männer ein Nein der Frau nicht und fordern beispielsweise Geschlechtsverkehr gegen den Willen der Frau ein. Wenn in einem weiteren Ausmass soziale Milieus oder Gesellschaften, Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt weitgehend tolerieren - sogenannte rape culture (Vergewaltigungskultur) - wird die Vorsorge und Verhinderung von Vergewaltigungen den Opfern übertragen. Frauen wird geraten, bei der Wahl der Kleidung, der Art sich zu bewegen, der Art von Unternehmungen und Kontakten vorsichtig zu sein. Damit geht die Verharmlosung von Vergewaltigungen und die Herabsetzung Betroffener oder potentieller Opfer zu Sexualobjekten einher.[3] Der zweite Mechanismus, der Rollenbilder als Auslöser für geschlechtsspezifische Gewalt besitzt, ist, wenn wir uns nicht normkonform gemäss unserer Geschlechterrolle verhalten. Lebt eine Frau ein selbstbestimmtes Sexleben ausserhalb der Vorstellung einer unterwürfigen, nichtentscheidungsfähigen Frau, wird sie als Schlampe bezeichnet und ebenso behandelt. Auch werden Männer, die sich nicht dominant und fordernd verhalten, als unmännlich und weich bezeichnet und von der Gesellschaft sanktioniert.

Besonders spürbar werden die Auswirkungen von Rollenbildern, wenn sie mit einer Mehrfachdiskriminierung verbunden sind. Frauen, von denen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft ein bestimmtes Verhalten erwartet wird, unterliegen in mehrfacher Weise diskriminierenden Bedingungen. Verschiedene Kategorien wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse, Nationalität, Sexualität, Alter etc. stehen nie alleine, sondern im Zusammenspiel miteinander.

Ausbruch aus den traditionellen Rollenbildern

Erkennen

Geschlechtsspezifische Rollenbilder beeinflussen unserer Selbstwahrnehmung, gestalten den öffentlichen und privaten Raum und wirken auf unsere Beziehungen und soziales Umfeld ein, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Wie erkennen wir unsere geschlechtsspezifischen Rollen und können uns gegen stereotype Merkmalzuschreibungen wehren? Der erste Schritt um Geschlechterrollen aufzubrechen geschieht, wenn wir diese erkennen und uns deren bewusst werden. Deshalb ist es wichtig stereotype Eigenschaften und Verhaltensweisen zu kennen, sie in unserem alltäglichen Leben wahrzunehmen und auch für andere sichtbar zu machen. Nur so ist es uns möglich zu erkennen, ob wir uns bewusst für diese Eigenschaften und Handlungen entscheiden wollen oder ob wir lediglich Rollenerwartungen erfüllen, die nicht unseren individuellen Interessen entsprechen.

Hinterfragen

Haben wir stereotype Bilder in unserem Alltag erkannt, heisst es diese zu hinterfragen. Inwiefern entspricht mein tatsächliches Verhalten diesen Stereotypen? Bei Rollenbildern handelt es sich immer um verallgemeinerte Meinungen. Vom jeweiligen Geschlecht wird auf dessen Eigenschaften oder Merkmale geschlossen. Ein solcher Rückschluss kann der Einzigartigkeit eines Menschen aber nie gerecht werden, da er von Anfang an individuelle Verhaltensweisen von Männern und Frauen ausschliesst. Somit ist eine Kategorisierung nach Geschlechtsstereotypen irreleitend, da kein Mensch einen Zug zur Gänze besitzt oder auch nichts von einem anderen Zug hat. Sehen wir uns Rollenbildern oder Stereotypen gegenübergestellt, müssen wir uns folglich immer hinterfragen, ob eine Verallgemeinerung im jeweiligen Fall möglich ist.

Ausbrechen

Ohne konkretes Handeln können Diskurse, Erkenntnisse und wissenschaftliche Ergebnisse nicht umgesetzt und weitergetragen werden. Sind wir aufmerksam und sensibilisiert auf Geschlechterrollen, ist es hilfreich, ja sogar notwendig, dass wir auch andere Personen in unserem Umfeld auf einengende Rollenbilder und Stereotypen hinweisen. So erreichen wir ein gesamtgesellschaftliches und konstruktives Aufbrechen der Geschlechterrollen. Jede und jeder kann dazu beitragen, stereotype Rollenbilder aufzubrechen und zu erweitern. Wichtig ist dabei, nichts erzwingen zu wollen! Wir müssen nicht bedingungslos in eine entgegengesetzte Richtung drängen. Natürlichkeit, persönliche Leidenschaften und ehrliches Interesse sollen auf jeden Fall beibehalten werden.

Gewalt gegen Frauen wird in der Schweiz und weltweit zu oft verharmlost und tabuisiert. Die Kampagne leistet mit ihren vielfältigen Veranstaltungen einen Beitrag dazu, genauer hinzuschauen und geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen. Keine Frau soll aufgrund ihres Geschlechts Gewalt oder Diskriminierung erfahren.

 
Das aktuelle Programm zur Kampagne 2016 ist jetzt veröffentlicht. Den aktuellen Kalender in pdf-Format: Kalender 16 Tage 2016

 


[1] URL: http://rollenrollen.ch/index.php/stereotypen/glossar/120-stereotypen [24.10.2016].

[2] Talcott Parsons, Robert F. Bales: Family, Socialization and Interaction Process. Routledge & Kegan Paul, London 1964.

[3] Emilie Buchwald: Transforming a Rape Culture. Milkweed Editions, Minneapolis 2005.

 

Fokus 2015 - Häusliche Gewalt

 

Jede zweite Woche stirbt eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt in der Schweiz. Die 15’650 gemeldeten Straftaten im Jahr 2014 im Bereich Häusliche Gewalt, stellen fast 40 Prozent der Gewaltstraftaten dar. Die Berner Polizei rückt dreimal pro Tag wegen häuslicher Gewalt aus. Wenn die Nachbarin, die Tante, Freundin oder Arbeitskollegin psychisch bedroht, beschimpft und geschlagen wird, ist das eine Menschenrechtsverletzung und keine Bagatelle. Das Thema häusliche Gewalt darf kein Tabu bleiben, und gehört in die Öffentlichkeit.

 

Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor. Sehr oft wird eine Tat verharmlost und Gewalt wird teilweise nicht als diese empfunden und mehrheitlich toleriert. Wie kann das sein? Niemand hat das Recht, über den Körper oder die Bewegungsfreiheit einer Frau zu bestimmen, ausser ihr selbst. Die Solidarität sollte gross sein, ist sie jedoch nicht. Wenn eine Frau über Gewalterfahrungen spricht oder rechtliche Schritte einleitet, reagiert die Gesellschaft unterschiedlich. Auffallend ist, dass die Bewertungen je nach sozialer Herkunft der Betroffenen oder Täter sehr unterschiedlich ausfallen. Bei einer Vergewaltigung werden Fragen gestellt, wie «Ja, aber was hast du gemacht, und welche Kleider hast du getragen?» Oder es gibt Bemerkungen, wie «Er ist doch ein so lieber Mann.» Wir leben in einer Gewaltkultur – Gewalt wird als gegeben hingenommen oder teils sogar verteidigt. Gewalt hat aber weder innerhalb noch ausserhalb der Beziehung einen Platz.

 

Eine Frau wird durch die Gewalt, die sie erfährt, in ihrem Menschsein entwürdigt. Frauen werden in Beziehungen weiterhin als Objekt angeschaut, und die Macht innerhalb der Beziehung ist zumeist ungleich verteilt. Das sind bedeutende Risikofaktoren für häusliche Gewalt.

 

Der gefährlichste Ort für eine Frau sind die eigenen vier Wände. Gewalt gegen Frauen beschränkt sich jedoch nicht auf den kleinen individuellen Kreis der Betroffenen, sondern sie bedeutet einen Impakt auf die Gesellschaft. Welche Sicherheit gibt es in einem Land, wo eine Frau in einer Beziehung vor ihrem Partner nicht sicher ist und wenn sie sich wehrt und mit anderen darüber spricht, nicht ernst genommen wird? Wie kommen wir zu einem friedlichen Mit- und Nebeneinander, weg von einem Gegeneinander in einer gewalttolerierenden Gesellschaft? Frauenrecht ist ein Menschenrecht. Warum wird dies – etwa im Budget zu Sicherheit und Schutz des Bundes – ignoriert? Die Politik ist in der Verantwortung. Der cfd begrüsst die aktuellen Bestrebungen des Bundesrates, den Opferschutz bei häuslicher Gewalt und bei Stalking im Zivil- und Strafrecht zu verbessern. Zudem hat der Bundesrat die Vernehmlassung über die Genehmigung der Istanbul-Konvention des Europarates eröffnet. Diese soll sicherstellen, dass Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt europaweit auf einem vergleichbaren Standard bekämpft werden.

 

Für einen Paradigmenwechsel und damit weg von einer Gewaltkultur ist die Solidarität aller gefragt. Wir appellieren an die Verantwortung der Gesellschaft: «Schau hin, mische dich ein, schau nicht weg». Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», die der cfd seit 2008 in der Deutschschweiz und Liechtenstein koordiniert, ist wichtig, da sie das Thema öffentlich macht und damit das Tabu bricht. Gemeinsam mit anderen Organisationen, die sich dem Thema widmen, ist es das Ziel: Eine Welt zu schaffen, in der keine Frau aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wird oder Gewalt erfährt.

 

Fokus 2014 - Eifersucht und Kontrolle

 

Von Ingrid Hülsmann und Annette Bischof-Campbell www.lilli.ch

Den ausführlichen Artikel der beiden Autorinnen finden Sie hier als pdf.

 

Die Frau, deren Mann mit der Bekannten flirtet. Der Junge, dessen Mutter mehr Zeit für die kleine Schwester hat. Der Mann, dessen Frau auf das neugeborene Kind fixiert ist: Sie alle empfinden Eifersucht, ein ganz natürliches Gefühl, und trotzdem gibt man sie nicht gern zu. Schliesslich drückt sie die eigene Schwäche und Machtlosigkeit aus. Anstatt in souveräner Sicherheit zu ruhen, plagen uns Missgunst, Wut und Selbstzweifel: «Warum wendet er sich ab?» «Warum bekommt sie mehr als ich?» «Bin ich nicht gut genug?»

 

Eifersucht ist ein normales, wenn nicht gar universelles Phänomen – ein Konglomerat aus Gedanken, Gefühlen und Reaktionen. Sie ist charakterisiert von der Wahrnehmung eines drohenden Verlustes, insbesondere in einer Liebesbeziehung und verbindet sich mit dem geringen Selbstwertgefühl der eifersüchtigen Person. In der Gefühlswelt nehmen Verzweiflung, Wut und Verletztheit grossen Raum ein. Die Gedanken interpretieren die Wahrnehmungen als Verrat und führen zu Verteidigungsverhalten.

 

Auswirkungen von Eifersucht

Eigentlich könnte Eifersucht in einer Beziehung «ganz nett» sein. Beide Partner könnten merken, dass sie einander nicht gleichgültig sind. Persönliche Unsicherheit, die sich in Misstrauen, Kontrolle und Vorwürfen zeigt, richtet Schaden an. Im «besten» Fall wird der Eifersüchtige für seine Partnerin unattraktiv und sexuell nicht mehr begehrenswert. In schlimmeren Fällen kommt es zu Trennung, Rosenkrieg und Gewalt.

 

Gesunde oder gefährliche Eifersucht?

Die psychiatrische Diagnostik (DSM IV) unterscheidet zwischen normaler und übermässiger Eifersucht. Letztere wird als Form der Paranoia klassifiziert. Übertrieben Eifersüchtige sind ohne jeden realen Grund von betrügerischen Aussenbeziehungen ihrer BeziehungspartnerInnen überzeugt. Ihre Wahrnehmung ist verzerrt. Sie sind in ihrem Fühlen, Denken und Verhalten ganz von ihrem Misstrauen eingenommen und bewerten alle Bewegungen der BeziehungspartnerInnen unter dem Aspekt des Verrats.

Diese Eifersucht ist gefährlich, weil sie oft als Rechtfertigung für Gewalt genutzt wird. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass im Weltbild der eifersüchtigen Person Gewalt als ein Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen akzeptiert ist.

Dies ist öfter der Fall als uns lieb ist und richtet sich häufiger gegen Frauen als gegen Männer. 2013 gab es in der Schweiz mehr als 4'500 Fälle von häuslicher Gewalt, in denen ein nahestehender Partner beteiligt war. 24 Frauen wurden von nahen BeziehungspartnerInnen getötet, in weiteren 44 Fällen wurde ihr Tod beabsichtigt.

 

Was tun? Rat an Eifersüchtige und Betroffene

Eifersucht ist menschlich. Zu ihr zu stehen und sie der Partnerin/dem Partner gegenüber zuzugeben, ist hilfreich – sich im Paargespräch über das eigene Befinden auszutauschen auch. Viele Eifersuchtsdramen bauen sich nämlich erst durch allzu langes Stillschweigen auf.

Wer unter starker Eifersucht leidet, kann lernen, konstruktiv mit ihr umzugehen. Das bedeutet, die Ursachen nicht bei den Anderen, sondern bei sich selbst zu suchen.

 

Zu den Autorinnen:

Ingrid Hülsmann ist Psychotherapeutin (FSP), Sexualtherapeutin und Geschäftsleiterin Gewaltprävention von www.lilli.ch. Annette Bischof-Campbell ist Psychologin (FSP), Sexualtherapeutin und Geschäftsleiterin Sexuelle Gesundheit von www.lilli.ch. Beide haben eng mit der diesjährigen Kampagne der "16 Tage gegen Gewalt an Frauen" zusammengearbeitet. Den ausführlichen Artikel der beiden Autorinnen finden Sie hier als pdf.